Die transgenerationale Übertragung von Denk- und Verhaltensmustern

Die transgenerationale Übertragung beschäftigt sich mit der, zumeist unbewusst ablaufenden, Übertragung von Inhalten auf einer transgenerationalen Ebene und bezieht sich zumeist auf Familiensysteme. Hier werden Übertragungsinhalte, wie zum Beispiel erlebte Traumata, Schuld oder Denk- und Verhaltensmuster der älteren Generation, an neuere Generationen weitergegeben. Da die Evidenz dieser Mechanismen und deren Konzept dahinter so schwer nachweisbar ist, gehört dieser Aspekt zu den interessantesten Bereichen der psychologischen Forschung von Familiendynamiken.

Ein Konzept aus der Psychoanalyse

Die Übertragung ist ein Begriff aus der Psychoanalyse von Freud und bezeichnet eigentlich unbewusste Mechanismen zwischen zwei Menschen, wie zum Beispiel Therapeut*in und Patient*in, in der ältere Erfahrungen, positiv oder negativ, auf neuere Beziehungen unbewusst Einfluss nehmen.

Wer oft angelogen wird, erwartet von neueren Bekanntschaften unbewusst Ähnliches oder ist dahingehend achtsamer. Uns Menschen ist allerdings teils gar nicht bewusst, wie sehr diese früheren Erfahrungen unser Erleben von neuen Beziehungen, häufiger negativ, beeinflussen können.

Therapeut*innen werden daher besonders lang geschult, um ein Bewusstsein für die eigene Übertragung zu schaffen. Bezogen auf die intergenerationale Perspektive, meint die transgenerationale Weitergabe von Denk- und Verhaltensmuster nichts anderes als eine unbewusste Übertragung zwischen mehreren Generationen, zum Beispiel vom Opa zum Enkel.

Wie äußert sich diese Übertragung in späteren Generationen?

Traumatische Erfahrungen, die von den Betroffenen nicht sauber verarbeitet wurden, bleiben nicht nur für diese selbst eine lebenslange Belastung. Es existieren viele Studien, die sich explizit mit Nachkommen von Traumatisierten oder indirekt deren Biographien sowie Dokumente befasst haben, in denen festgestellt wurde, dass diese Traumata in Träumen, im Selbstbild, im emotionalen Erleben und unbewussten oder bewussten Verhalten wiederzufinden sind.

Gerade in Kriegen, als Extremsituation mit einer unvorstellbaren Traumatisierung einer kompletten Generation, manifestiert sich auch Generationen später eine Traumatisierung, die später als „Überlebenden Syndrom“ bezeichnet wurde. Zusätzlich zu Kriegserfahrungen existieren Nachweise dieser Übertragung zusätzlich für Opfer von sexueller, körperlicher und emotionaler Misshandlung, psychischen Krankheiten oder Folter. Umgekehrt wird für Nachkommen der Tätergenerationen ein tiefes Schuldgefühl übertragen.

Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Um diese Weitergabe zu erklären, existieren inzwischen unterschiedliche, dynamische Erklärungsansätze. Viele dieser Konzepte basieren auf der Übertragung und Gegenübertragung der Psychoanalyse, in der das eigene Verständnis und Selbstbild als Traumatisierter eine wesentliche, obgleich unbewusste, Rolle in der Erziehung spielt.

Für das Kind existiert zum einen eine tiefe Bindung zu den Eltern, zum anderen nehmen die Eltern eine wichtige Vorbildfunktion ein. Wenn die Eltern, in ihrem Selbstbild und der eigenen Rolle, sich selbst als Traumatisierte*r sehen, werden diese Nuancen vom Kind wahrgenommen und adaptiert.

Ein Vorgang, der völlig unbewusst abläuft. Für viele Forscher*innen ist es allerdings wichtig zu erwähnen, dass dieser Aspekt keine deterministischen Züge annimmt. Der Umgang mit traumatischen Erfahrungen ist höchst individuell und viele psychologische Schutzfaktoren können helfen, diese Erlebnisse zu verarbeiten. Hier kommt die Psychotherapie ins Spiel.

Wie die Psychotherapie helfen kann

Viele psychotherapeutische Behandlungsmethoden wissen um das Konzept der Übertragung und können diese einsetzen, um Betroffenen zu helfen. Ein geschulter Therapeut wird auf Übertragungsmechanismen aufmerksam machen, um so kognitive Automatismen durchbrechen zu können.

Allein das Bewusstwerden von automatisierten Denkweisen hat eine immense Bedeutung für den Therapieerfolg und kann aktiv angegangen werden. Therapeut*innen versuchen zusätzlich den Patienten oder der Patientin in ihrer Resilienz zu stärken. Das bedeutet die Stärkung und Aktivieren der eigenen Ressourcen, sodass Betroffene mit dem Trauma leichter umgehen und diese verarbeiten können. Zusätzlich existieren systemische Ansätze um intergenerationelle Konflikte zu erkennen und diese zu lösen. Eine gute und gesunde Beziehung zu der Familie ist letztlich einer der besten Schutzfaktoren, um ein Trauma gut verarbeiten und eine Weitergabe an weitere Generationen vermeiden zu können.

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