Destruktive Persönlichkeitsanteile - dekonstruktive Ego-States als Herausforderung in der Psychotherapie

Von destruktiven Persönlichkeitsmerkmalen spricht man in der Psychotherapie, wenn das eigene Verhalten – bewusst oder unbewusst – negative Auswirkungen auf die Betroffenen und deren Umfeld ausübt. Dies kann unterschiedlich deutlich wahrgenommen werden – sowohl von den Betroffenen selbst, als auch von ihrer Umgebung. Man spricht von dekonstruktiven Ego-States (= Ich-Zuständen), wenn negative Gefühle zum Ausdruck gelangen, aber auch, wenn Handlungen gegen die eigene Person oder ihr Umfeld als belastend, verletzend, zerstörerisch oder gefährlich wahrgenommen werden.

Ziel ist es, das Verharren in negativen Gemütszuständen wie Wut, Angst oder Trauma aufzulösen und mit positiven Gefühlserfahrungen auszugleichen. Ein Ausblenden, Negieren oder Unterdrücken negativer Gefühle ist NICHT die Absicht dieser Therapieform.

Ego-States

Bei Ego-States handelt es sich um verschiedene Zustände des bewussten Seins, die in Form von Stimmungen, Verhaltensweisen oder Reaktionen auf bestimmte (akute) Situationen zum Ausdruck kommen. Liegt hier das Auftreten mehrerer, unterschiedlich wahrzunehmender „Zustände“ vor, spricht man von Ego-State-Disorder (ESD).

Von den Betroffenen werden diese inneren Persönlichkeitszustände bemerkt und wahrgenommen, jedoch unterschiedlich stark nach außen getragen. Die Ego-State-Therapie ist eine relativ junge Therapieform, deren erste Ansätze in den 1980er-Jahren aus der Traumatherapie heraus entwickelt wurden. Sie soll den Patienten dabei helfen, die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Ausformungen ihrer Person in Balance zu bringen und deren jeweilige Existenz zu akzeptieren.

Im Gegensatz zu anderen Therapieformen ist das Ziel hier nicht, eine oder mehrere Ausformungen der Person und ihrer Psyche zu unterbinden oder etwa ganz verschwinden zu lassen. Im übertragenen Sinne formuliert könnte man sagen, das Ziel der Ego-State-Therapie ist die friedliche Ko-Existenz aller vorhandenen Ausprägungen und Erscheinungsformen des Ichs.

Das Erschließen positiver Ich-Zustände

Ein möglicher Therapieansatz ist das Erschließen positiver Ich-Zustände. Das destruktive Ego/Ich soll mit positiven Bildern, die eine positive Grundstimmung herbeizuführen vermögen „beschwichtigt“ werden. Im Idealfall kann ein destruktiver Zustand (state) einem positiven weichen. Die Ego-State-Therapie lässt sich sehr gut mit den meisten anderen gängigen Therapieansätzen verbinden und komplementär anwenden.

Therapiemethoden

Der Zugang zu solchen positiven Ichzuständen (der innere safe place z. B.) kann auf verschiedene Arten und Weisen erfolgen. Neben der Hypnotherapie, welche hier die Grundlage bildet, kommen auch Kunst- und Musiktherapie aber auch das „klassische“ Therapiegespräch (im Dialog mit dem Therapeuten oder in der Gruppe) zum Einsatz. Wenn die Phase der Stabilisierung erfolgreich abgeschlossen wurde und der Patient „Sicherheit“ empfindet, kann der nächste Schritt in Richtung Auflösung der zugrunde liegenden Konflikte getan werden.

Traumabewältigung

Die Ego-State-Therapie hat sich für ein breites Anwendungsspektrum als effektiv erwiesen. Sie kommt u. a. zum Einsatz bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen, Ängsten, Tics und chronischen Schmerzen. Gute Erfahrungen werden aber auch aus den Bereichen Mentaltraining im Leistungssport und bei berufsbegleitenden Coachings attestiert.

Am weitesten verbreitet ist ihr Einsatz jedoch bei der Begleitung, Aufarbeitung und Behandlung von Verlust- und Trauerprozessen. Oder kurz gesagt: immer wenn Patienten sich „klassischen“ negativen Gefühlen wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Verletztheit und Scham ausgeliefert sehen. Oder bereits Aggressionen entwickeln, die sie nicht nur gegen andere, sondern mitunter vor allem auch gegen sich selbst richten, was als doppelt-dekonstruktive Ausformung eine besondere Herausforderung in der Traumatherapie darstellt.

Das Besondere an der Arbeit mit Ego-States ist die Akzeptanz. Jede Ausformung der subjektiv empfundenen und/oder objektiv wahrgenommenen Gefühlslage des Patienten hat ihre Daseinsberechtigung, und kann und darf existieren. Ziel ist nicht die Unterdrückung negativer Zustände, sondern deren Integration als Teil der gesamten Persönlichkeit.